stadtgalerie chur, 2008
interventionen mit tang
mit erstarrten meerespflanzen kunst erschaffen
vor der churer rathausgalerie entlockt ein musikant seiner geige frostige töne.
zufall, denn trotz "tang/go"- so der titel der ausstellung im innern - tangoklänge sind das keine.
von gisela kuoni
chur - es ist überhaupt alles etwas anders in dieser kunstpräsentation, die derzeit in der rathausgalerie
in chur zu sehen ist, wenn auch keineswegs weniger anregend als bei einer "normalen" ausstellung.
statt einer vernissage gibt es schon morgen samstag einen apéro (von 17 bis 19 uhr), und wer die werke der beiden
künstlerinnen, bettina wachter und daniela sanwald wirklich sehen will, der sollte jeden tag in der poststrasse vorbeikommen.
die beiden frauen sind nämlich mitten drin in ihrem projekt, und etwas verändert sich dort täglich – wenn auch
nicht tagsüber während der öffnungszeiten. dann sitzt das duo wachter/sanwald nämlich ganz entspannt auf
seinen stühlen. doch just wenn die letzten besucherinnen gegangen sind, geht die arbeit der beiden künstlerinnen weiter.
dann stehen sie auf und beginnen ihr werk von neuem. dabei ist die gestaltung eigentlich fertig, und man hat keineswegs das
gefühl, dass da noch etwas fehlt. es "fehlt" auch nichts, doch es drängt die beiden zu immer neuen motiven – und
deshalb lohnt es sich, in diesen tagen immer wieder einmal in die rathausgalerie hineinzuschauen.
vom naturstoff zur kunst
höchst ungewöhnlich ist auch der auftritt des dritten protagonisten der neben wachter und sanwald am projekt
"tang/go" teilnimmt, gianin conrad. auf anfrage stellte er eine "räumliche gestaltung" für morgen
in aussicht, jedoch nicht verbindlich. lassen wir uns überraschen.
doch zurück zu dem, was in der galerie wirklich heute schon zu sehen ist. die beiden grossen weissen wände tragen
keine bilder, auch keine zeichnungen. es stehen keine objekte oder installationen im raum. kein video, kein bildschirm, keine
geräusche. der erste teil des ausstellungstitels "tang" ist der direkte namensgeber. was in filigranen linien
sich zu bildern gruppiert oder in einzelnen geschwungenen bögen ganze bilder ergibt, ist nichts anderes als tang, meerestang
von den lofoten in norwegen oder der bretagne in frankreich. was sich im meer in wundersamen schwüngen hin- und herbewegte,
haben wachter und sanwald durch ihre arbeit an die wand gezaubert. sie haben dem in feuchtem zustand biegsamen tang eine neue form
gegeben, haben zusammengefügt und auseinander genommen, angehäuft und gedehnt und nach der erstarrung der meerespflanze
damit ihr werk gestaltet.
der tang ist schwarz und verzweigt sich in viele richtungen. die unterschiedlich dicken arme werden immer wieder durch schwarze
luftblasen unterbrochen, was ihnen das aussehen einer unregelmässig aufgefädelten perlenschnur verleiht. sie verschlingen
sich, lösen sich auf, klumpen zusammen und fliehen in tänzerische, freie linien. an der wand befestigt sind die schwarzen
bänder mit gewöhnlichem klebstreifen, der einen glitzernden und metallisch schimmernden kontrast zum matten schwarz des
tang bildet. dieser liegt nicht flach an der bildfläche auf, er hebt sich ab und entwickelt somit eine eigendynamik.
neben dem schwarzen tang verwenden die künstlerinnen noch durchsichtige, kautschukfarbene algenbänder.
poetische zeichnungen
die betrachterin kann bei den tang werken klar eigenständige kompositionen unterscheiden. obwohl aus dem gleichen material
und nach der gleichen technik gestaltet, ist die bildliche erscheinung jeder einzelnen arbeit differenziert und unabhängig.
da sieh man schnörkelnde ornamente, menschenähnliche wesen, tiere mit krallen insekten, man liest ihre spuren, entdeckt
landkarten, orientalische stoff- und teppichmuster, halsbänder, japanische kalligraphien.
jede einzelne darstellung ist eine poetische zeichnung. unbestimmt wie ihre fundorte sind die kunstwerke selbst. sie verändern
sich, sie sind flüchtig, kaum transportierbar, nicht zu wiederholen. jedes einzelne hat seinen eigenen künstlerischen
ausdruck und ist teil einer eigenwilligen handschrift seiner erschafferinnen.
die ausstellung "tang/go" dauert noch bis zum 16.april, rathausgalerie, chur.
die süostschweiz, freitag 11.april 2008